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Und das erwartet Sie:

Hinauf zur Türmerwohnung im Südturm und
zur weltgrößten Guss-Stahl-Glocke im Nordturm
 

Auf dem Weg durch die Türme der Stiftskirche sehen wir das Uhrwerk, die Südturm-Glocken, die Türmerwohnung mit dem umlaufenden Balkon, dann den Durchgang unter dem Dach des Kirchenschiffes und die Glocken im Nordturm.

Südturm: Das Erdgeschoß hat eine Höhe von gut 5 Metern und eine Grundfläche von 8,80 x 8,80 Meter, innen bleiben noch 4,50 x 4,50 Meter. Die Mauerstärke beträgt hier unten 2,20 Meter, sie verringert sich je Stockwerk um 30 cm. Im Erdgeschoß gibt es eine Toilette und eine kleine Küche. Die nach oben führende Beton-Wendeltreppe wurde bei der Innenrenovierung 1928 durch Conrad Freytag eingebaut. Der Neustadter Conrad Freytag hatte die Eisenbeton-Patente des Franzosen Joseph Monier erworben und in ganz Deutschland verbreitet.

1. Obergeschoß:

Wir sehen einen fensterlosen Raum von 5 Metern Höhe und einer Fläche von 5,20 x 5,20 Metern mit einem fliesenbelegten Betonboden. Früher diente eine quadratische Aussparung in der Mitte als Durchlass für den Lastentransport nach oben (jetzt geschlossen). An der Nordseite ist die Tür zur Orgelempore. Der Raum dient als Mantel- und Hutablage für den Kirchenchor und beherbergt zwei Toiletten.

2. Obergeschoß:

Wir sehen einen schmalen Betonumgang aus neuerer Zeit, dessen Bedeutung jedoch noch unklar ist. In allen vier Himmelsrichtungen sind schmale, längliche Fenster.

3. Obergeschoß:

Wir gehen durch eine Abschlusstür - hier begann früher das Reich der Türmerfamilie. Es gab bereits in den 1950er Jahren eine Klingel sowie eine Sprechverbindung zum Turmhaus sowie einen elektrischen Türöffnungsmechanismus. Der 5 Meter hohe fensterlose Raum von 5,80 x 5,80 Metern Fläche hatte ab 1925 einen Waschraum und eine Toilette. Der Wasserdruck für eine Leitung bis hoch zur Wohnung war erst ab 1952 ausreichend. Wieder sehen wir das Lukensystem für den Lastentransport sowie eine eiserne Rolle zum Übergang auf eine versetzte, kleinere Luke. Hier war eine weitere Person zum Umlenken der Last erforderlich.

 4. Obergeschoß:

Das Uhrwerksgeschoß (Größe 6,30 x 6,30 Meter) ist ein 4,50 Meter hoher, sehr heller Raum durch große gotische Fenster. Diese Fenster waren bis 1980 (bis auf die Rosette) zugemauert, weil sich im oberen Fensterbereich die Zifferblätter der Turmuhr befanden. Diese konnten nicht auf Glas montiert werden.

Das Turmuhrwerk:

Es handelt sich um ein mechanisches Uhrwerk von Korfhage & Söhne aus Buer bei Osnabrück. Der Aufzug erfolgte elektrisch, bei Stromausfall auch per Handkurbel und Drahtseil. Wir sehen drei Gegengewichte, eine Eisenstange steuerte die Stunden- und Minutenzeiger. Fünf Drahtseile führen hoch zu den Glocken für die Viertelstundenschläge. Die volle Stunde wurde von einem weiteren Uhrwerk mit zwei Glocken im Nordturm geschlagen.  Dieses Uhrwerk ist funktionsfähig, aber seit 1980 abgekoppelt. Seither erfolgt die Zeitsteuerung durch die Zeitzentrale in Braunschweig (Funkuhr).

5. Obergeschoß:

Der knapp 6 Meter hohe Raum ist erhellt durch den oberen Abschnitt der gotischen Fenster. Auf dem Holzboden sehen wir drei alte Balkentunnel für die Zeigermechanik zu den drei Zifferblättern.

6. Obergeschoß:

Das Glockengeschoß ist 6,60 x 6,60 Meter groß und gut 8 Meter hoch. An allen vier Seiten sehen wir große Fensteröffnungen mit Holzlamellen für den Schallaustritt. Die 5 Südturmglocken sind neben- und übereinander angeordnet. An den Außenseiten befinden sich die Zifferblätter der Turmuhr. Der Minutenwechsel ist deutlich hörbar.

Glocken:

Nachdem die Bronzeglocken im zweiten Weltkrieg abgenommen worden waren, wollte das Presbyterium nach dem Krieg wieder ein großes Geläut in der Stiftskirche installieren. Man entschied sich für Glocken aus Gussstahl, weil man wusste, es rechnet sich nicht, Gussstahlglocken wieder einzuschmelzen.
Der einzige Hersteller in Deutschland war der Bochumer Verein Gussstahlwerk (BVG) in Bochum. Dort wurden 1949 sieben neue Glocken gegossen, aufgehängt wurden sie im Oktober 1949.

Generelle Gestaltung der Glocken:

An der Schulter umlaufend: der Stiftungstext;
auf der Vorderseite an der Flanke: das Porträt des Glockenpaten mit typischer Kopfbedeckung, darunter sein Name;
auf der Rückseite an der Flanke: den Glockensinnspruch in Deutsch bzw. Latein;
am Wolm: das Gießerzeichen (BVG), das Gussjahr (1949) und der Eigentumsvermerk (Prot. Kirche Neustadt a.d. Haardt).

Glockenaufhängung:

Die Drehachse befindet sich nicht über der Glocke an der Krone, sondern alle Glocken sind an einem gestelzten (gekröpften) Joch aufgehängt; dadurch ergibt sich ein kürzerer Schwingungsweg beim Läuten.

Name:           Gewicht:       Klöppel:        Weite:            Höhe:

Casimir            910 kg           75 kg            128 cm           118 cm
Calvin            1.270 kg          90 kg            143 cm           130 cm
Zwingli          1.760 kg        130 kg            161 cm           147 cm
Luther          3.100 kg        220 kg            191 cm           176 cm
Ursinus         4.260 kg        280 kg            214 cm           197 cm

Turmhaus:

Der Südturm diente schon früh (1404) als Ausguck, daher erfolgte der Ausbau als Wachstation. Im frühen Mittelalter war Neustadt gut befestigt, es hatte eine komplette Stadtmauer, diese musste bewacht werden. Oft waren die Kirchtürme wegen der guten Rundumsicht mit Wachpersonal besetzt.

Seit 1483: eisernes Geländer auf der Plattform
seit 1493: Sturmglocke
im 16. Jahrhundert: Ausguck an der Südseite
im 17. Jahrhundert: größerer Anbau an der Südost-Ecke
1739: Bau des Turmhauses im Barockstil
1794: französische Revolution: das Geländer wurde abgebaut (es befindet sich heute auf der Stiftskirche in Landau)
1936: Steingalerie als Geländer geplant, aber nicht gebaut
1963: neues, schmiedeeisernes Geländer (acht Teilelemente).

Turmhaus Untergeschoß:

Kleiner Vorraum mit Tür nach draußen auf die Plattform (Balkon) und Abschlusstür zur Wohnung. In der Wohnung kleiner Flur mit Wasserhahn und altem Ausgussbecken, im Süden geräumiges Wohnzimmer, Esszimmer (Nordost); vom Flur nach Westen Arbeitszimmer und Aufgang zum Obergeschoß. Raumhöhe 2,25 Meter.

Turmhaus Obergeschoß:

Durchgangsraum mit Treppe zum Dachboden, Küche, Schlafzimmer, Badezimmer; Raumhöhe 2,50 Meter, leichte Dachschräge.

Turmhaus Dachboden:

Ein einziger Raum, gegliedert durch die Balkenkonstruktion des Dachgeschoßes, schräge Wände. Darüber eine sogenannte Laterne, ein kleiner Dachaufbau, in dem früher die Sturmglocke hing (befindet sich heute bei der Feuerwehr in der Lindenstraße).

Aufgaben der Türmer (Thornknechte):

·         Läuten des Sturmglöckleins bei Feuer in der Stadt (war durch ein Loch in der Decke des Arbeitszimmers möglich)

·         Richtungsanzeige des Brandes durch eine rote Fahne bzw. eine rote Laterne

·         mit einem Sprachrohr die Bürger auf dem Marktplatz darüber informieren, wo sich der Brandherd befindet

·         Warnung vor anrückenden feindlichen Truppen:
Stadttore schließen, Verteidigungsbereitschaft herstellen

·         Hornsignale an die Torhüter zum Öffnen (morgens) und Schließen (abends) der Stadttore sowie an die Wächter der Stadtmauer zur Ablösung

·         Läuten der Feldglocke zum Öffnen und Schließen der Weinberge (1834 bis 1950)

·         Nachschlagen des Stundenschlages zum Beweis der Wachsamkeit von 21:00 Uhr bis 4:00 Uhr.

Die Besoldung der Thornknechte (Türmer) erfolgte durch die Stadt, davon konnten sie aber nicht leben. Geringe Einnahmen  erzielten sie auch durch das Aufziehen der Turmuhr. Daneben hatten sie immer weitere Erwerbsquellen, z.B. als Musikant mit dem Recht, als Einzige in Neustadt öffentlich aufzuspielen (z.B. bei Hochzeiten, Kirchweih und in Wirtshäusern). Später übten sie normale Handwerksberufe aus (z.B. Kamm-Macher, Küfer, Stuhlflechter).

Türmerfamilie Hayn:

Von 1744 bis 1970 = 226 Jahre war durchgehend Familie Hayn auf dem Turm; letzter Türmer war Heinrich Hayn, geboren 1891 in der Türmerwohnung; Türmeramt ab 1917, nach dem Krieg (1945) sind frühere Aufgaben teilweise weggefallen, lediglich noch Kontrolle des Uhrwerks bzw. Repräsentationsaufgaben, z.B. Führungen (aber: kein Geländer). Im Jahr 1966 erhielt er zum 75. Geburtstag die goldene Ehrennadel der Stadt Neustadt durch Oberbürgermeister Brix verliehen. Im März 1970 lag er todkrank im Krankenhaus Hetzelstift, seine Tochter brachte ihn auf seinen Wunsch hin in die Türmerwohnung, wo er nach vier Tagen am 25. März 1970 verstarb. Seine Tochter informierte die Neustadter Bevölkerung über seinen Tod durch Läuten der Kaiserglocke.

Den Nordturm erreichen wir vom Südturm aus durch einen Verbindungsgang auf der Höhe des alten Uhrwerks. Hier unter dem Dachboden des Langhauses ist noch der „Kellerraum“ zur Türmerwohnung zu sehen.

Die Glocken im Nordturm:

Name:      Gewicht:       Klöppel:        Weite:            Höhe:

Kurfürst      7.350 kg        410 kg          255 cm          231 cm
Kaiser      14.000 kg        810 kg          323 cm          288 cm

Die Kurfürstenglocke erinnert an Kurfürst Rudolf II., Gründer des Kollegiatstifts und an Kurfürst Ruprecht I., Erbauer der Stiftskirche (und späterer Gründer der Universität Heidelberg).

Die Kaiserglocke ist benannt nach Kurfürst Ruprecht III., der 1402 zum deutschen König gewählt wurde. Er zog nach Italien, um sich zum Kaiser krönen zu lassen, wurde jedoch auf dem Weg nach Rom in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt und musste wieder heimkehren, ohne vom Papst die Kaiserwürde erhalten zu haben.

Die Kaiserglocke ist die größte freischwingend läutende Guss-stahlglocke der Welt (14 Tonnen) und die zweitschwerste Glocke Deutschlands nach St. Peter im Kölner Dom (24 Tonnen).

Im Nordturm können wir gut den Sandsteinbau erkennen:
verbaut wurde roter Sandstein aus Lindenberg und gelber Sandstein aus Haardt. Bei diesem Sandstein handelt es sich um ein besonders hartes und druckfestes Material mit einem hohen Quarzgehalt (80%), dadurch hat er nur eine geringe Wasseraufnahmefähigkeit und ist sehr lange haltbar. Die Quader sind etwa 82 bis 105 cm lang, 40 cm tief, 30 bis 42 cm hoch, ihr Gewicht beträgt 250 bis 500 kg. Im oberen Drittel sehen wir in der Mitte Zangenlöcher zum Greifen des Steins mit einer  Steingreifzange. 
An mehreren Steinen sind Steinmetzzeichen zu sehen.

Die Turmbewohner hatten folgenden „Luxus“:

Abwasser: 1895 Abwasserrohr im Turm (Einbau durch Stadt)
Wasser: im Mittelalter Wasser vom Marktbrunnen
um 1900 Wasseranschluss im Erdgeschoß
1925 Wasserleitung ins 3. Obergeschoß
1952 Wasserleitung in die Wohnung (Flur) auf Kosten der Türmerfamilie
Toilette: 1925 Abort (Plumpsklo) und Waschraum im
3. Obergeschoß, vorher Entsorgung mit Eimern
60er Jahre: Toilette in der Wohnung
Strom: 1922, vorher Öllampen und Kerzen 
Telefon: 1895 Rufleitung zur Polizei
1926 Leitung zur Feuerwehr
1930er Jahre: normales Telefon
Kühlschrank und Waschmaschine: 1955
Dusche: 1970er Jahre
Heizung: Holz-Kohleofen im Wohnzimmer (Untergeschoß Turmhaus)
Kochen: Holz-Kohleherd in der Küche (Obergeschoß Turmhaus), Brennholz und Kohlen lagerten im Durchgang zum Nordturm, mussten also bei Bedarf noch mehrere Treppen hoch getragen werden.


Diese Informationen sind folgendem Buch entnommen:
Die Türme der Stiftskirche -
Vergangenheit und Gegenwart des Neustadter Wahrzeichens
(zusammengefasst von Werner Jöhlinger).